
Warum reparieren wir Dinge eigentlich immer seltener? Und was hat das mit der Zukunft unseres Planeten zu tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein besonderer Vortrag am Annette-Kolb-Gymnasium in Traunstein. Im Rahmen der Chiemgauer Medienwochen sprach der Physiker und ehemalige Generaldirektor des Deutschen Museums, Prof. Wolfgang M. Heckl, vor allen zehnten Klassen der Schule. Rund eine Stunde lang gelang es ihm, die Schülerinnen und Schüler mit seiner lebendigen und anschaulichen Art für ein Thema zu begeistern, das im Alltag oft übersehen wird: die Kultur des Reparierens.
Nach der Begrüßung durch Schulleiter Diether Thumser begann Heckl seinen Vortrag direkt mit einer Frage an die Jugendlichen: Wer hat zu Hause noch eine Nähmaschine oder einen Lötkolben? Und wer hat zuletzt etwas repariert? Die spontane Umfrage sorgte sofort für Aufmerksamkeit und machte deutlich, dass Reparieren für viele junge Menschen heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Dabei, so Heckl, sei Reparatur ein grundlegendes Prinzip der Natur. Ohne sie gäbe es kein Leben auf der Erde. Unser Körper etwa repariert täglich Schäden an der DNA, die beispielsweise durch UV-Strahlung entstehen. Schon auf molekularer Ebene sei Reparatur Voraussetzung dafür gewesen, dass sich aus einfachen Molekülen überhaupt Leben entwickeln konnte.
Von dort spannte der Wissenschaftler den Bogen zu unserem Planeten insgesamt. Mit dem berühmten Bild des „Pale Blue Dot“, geprägt vom Astronomen Carl Sagan, erinnerte er daran, wie einzigartig und zugleich verletzlich die Erde im Universum ist. Wenn wir diesen Lebensraum erhalten wollen, müsse sich auch unser Umgang mit Ressourcen ändern. „Bevor wir etwas wegwerfen, sollten wir überlegen, ob wir es nicht reparieren können“, lautete eine seiner zentralen Botschaften.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Thema Plastik. Zwischen 1950 und 2019 wurden weltweit rund zehn Milliarden Tonnen Kunststoff produziert – ein Material, das einerseits enorme Vorteile bietet, andererseits aber zum Symbol der Wegwerfgesellschaft geworden ist. Etwa jeder zweite Gegenstand unseres Alltags besteht heute aus Polymeren. Gleichzeitig können rund 90 Prozent des Plastikmülls nicht wirklich recycelt werden.
Heckl plädierte deshalb nicht für einfache Verbote, sondern für ein Umdenken: bessere Mülltrennung, neue Recyclingtechnologien und vor allem ein bewussterer Umgang mit Konsum. Auch gesellschaftlich müsse sich etwas ändern – weg von der reinen Wachstumslogik, hin zu einer Kultur der Verantwortung.
Besonders anschaulich wurde der Vortrag, als Heckl einen alten mechanischen Plattenspieler – ein Grammophon – auf der Bühne präsentierte, der ganz ohne Strom funktioniert – nur mit Kurbel und Feder. An diesem Beispiel erklärte er, wie Technik früher aufgebaut war und warum viele Geräte früher leichter repariert werden konnten. Reparieren, so Heckl, schule das analytische Denken: Man müsse Ursachen verstehen und Zusammenhänge erkennen.
Mit Humor erzählte er auch von seinem eigenen ersten Reparaturversuch: Mit sechs Jahren schraubte er das Radio seines Vaters auseinander – mit mäßigem Erfolg. Dennoch sei genau diese Neugier der Anfang von Erkenntnis. Reparieren sei nicht nur praktisch, sondern auch ein „niederschwelliger Zugang zur Welterkenntnis“.
Am Ende blieb eine einfache, aber einprägsame Botschaft: „Das Alte ist besser als das Neue – ganz einfach deshalb, weil es alt geworden ist.“ Dinge, die lange überdauern, haben sich bewährt.
Der Vortrag war nicht nur eine spannende naturwissenschaftliche Reise, sondern auch eine pädagogische Erinnerung für uns alle: Reparieren ist mehr als Technik. Es ist eine Haltung gegenüber unserer Umwelt, unseren Ressourcen und vielleicht sogar gegenüber unseren Beziehungen. Oder, wie Heckl augenzwinkernd bemerkte: „Auch in der Gesellschaft und in Beziehungen muss man manchmal reparieren.“