Autorenlesungen laufen nicht selten nach einem ähnlichen Schema ab. Nach der Begrüßung liest der Autor (m/w/d) einen Auszug aus dem neuesten Roman oder einige Gedichte. Der Moderator stellt ein paar Fragen, die für das Publikum nicht immer interessant sind, es gibt Antworten, der Moderator (m/w/d) ermuntert das Publikum, Fragen zu stellen, und manchmal werden auch welche gestellt. Schließlich verabschiedet man sich mit einem Applaus von der Künstlerin und geht teils erleichtert, teils nachdenklich, manchmal auch begeistert heimwärts.

Begruessung 001Herr Seitz, stellvertr. Schulleiter des AKGs, be­grüßt Micaela Chirif (l.) mit Frau Häusl­schmid (r.) vom CHG

Wie ging es wohl den etwa 82 Schülerinnen und Schülern der beiden Traunsteiner Gymnasien, die Spanisch seit drei oder vier (Chiemgau-Gymnasium) bzw. zwei Jahren (An­net­te-​Kolb-Gymnasium) lernen und am Dienstagvormittag Ge­le­­gen­heit hatten, die peruanische Kinder- und Ju­gend­buch­autorin Micaela Chirif kennenzulernen?

Sie bereist in diesen Tagen Bayern, kam in die Aula des AKG und begann ihren Besuch mit der Aufforderung, ihr Fragen zu stellen, die ihr Schreiben, aber auch ihre Person betreffen.

Nach und nach beantwortete sie diese und gewährte dabei Einblicke in ihr Leben in der 10-Millionen-Metropole Lima. Deren unmittelbare Nähe zum Pazifik, von dem die peruanische Hauptstadt allerdings durch eine Steilküste getrennt ist, ist eine der Kraftquellen ihrer Dichtung. Ein ganzer, mehrfach preisgekrönter Gedichtband trägt den Titel „El mar“, da das titelgebende Meer für sie der Ort der Zuflucht vor dem städtischen Chaos, aber auch Inspirationraum ist. Die Unfaßbarkeit des Meeres nötigt sie immer wieder zu Fragen, deren Beantwortung sie in ihrer Dichtung versucht. Sie trug das Titelgedicht, das die Schülerinnen und Schüler sich zuvor im Unterricht erarbeitet hatten, vor und gewährte dem Publikum nicht nur neue Perspektiven auf das für uns meist reichlich entfernte Meer, sondern auch anregende Einblicke in ihre Arbeitsweise.

Micaela Chirif während ihres Vortrags in der Aula  

So hatte sie eigentlich vorgehabt, wie in einem anderen Werk („Desayuno“, dt. „Frühstück“) ein Gedicht zu schreiben, das erst im Zusammenhang mit den Illustrationen zu einer eigentlichen Geschichte wird. Mit Fotos aus ihrem Arbeitszimmer, dessen Boden zeitweise von Blättern bedeckt ist, deren Zahl im Laufe eines Schreibprojektes nach und nach wieder abnimmt, zeigte sie uns, wie intensiv der Schreibprozess, von dem so viele Deutschlehrer begeistert sprechen, tatsächlich sein kann. Aus dem Gesamtkunstwerk Bild-Gedicht wurde schließlich eine hübsch illustrierte Gedichtsammlung mit Meeresthematik, aus dem sie eindrucksvoll weitere Beispiele vortrug, so die Gedichte über den „Pulpo“ (Oktopus) und die „Ballena“ (den Wal), Tiere, die uns aufgrund ihrer Intelligenz, aber auch ihrer Sensibilität faszinieren. Auch diese Gedichte entstanden als Versuche, auf Fragen, zu antworten, die sich die Autorin stellte: Wovon träumt der Tintenfisch (der sich, so erfahren wir, beim Schlafen tatsächlich verfärbt)? Wie schwer ist wohl so ein Wal?

Zur Kinderliteratur kam Micaela Chirif durch den schmerzlichen Verlust ihres Lebenspartners. Dieser hatte die Idee zu einem Kinderbuch über einen Albatros, der nicht fliegen wollte, nicht mehr selbst umsetzen können. Sie verwirklichte das traurig-komische Projekt über diesen Meeresvogel und konzentrierte sich seitdem auf das junge Publikum, das ihr nun auch in Traunstein begegnet ist. Wer weiß, wie viele kreative Adern an diesem sommerlichen Dienstag in der Aula des Annette-Kolb-Gymnasiums (wieder) in Bewegung gekommen sind?

Wolfgang Petzsch